Eine Ente als Lesertest
Uwe Johnsons 99 Besprechungen des DDR-Fernsehprogramms
Im Mai 1964 machte der knapp dreißigjährige, als „Dichter der beiden Deutschland“ gerühmte Uwe Johnson der Redaktion des West-Berliner Tagesspiegels ein interessantes Angebot: Wenn sich die Zeitung entschlösse, die Programm-Vorschau des auf Betreiben des Springer-Konzerns von der gesamten West-Berliner Presse ingnorierten „Deutschen Fernsehfunks“ der DDR zu publizieren, dann stünde er, Johnson bereit, regelmäßig von ihm selbst auszuwählende Sendungen zu rezensieren.
Der Vorschlag wurde angenommen. Mit dem Abdruck des DFF-Programms machte der Tagesspiegel alsbald Schule. Immer mehr Zeitungen und Zeitschriften in West-Berlin und in der Bundesrepublik hatten nun plötzlich Platz fürs lange Verpönte. Schließlich mochte auch Springer mit seiner Hör zu nicht mehr im anachronistischen Abseits stehen: Der Abdruck des Ost-Fernsehprogramms bedeutete nicht mehr Beihilfe zur kommunistischen Infiltration der Bundesrepublik, sondern entsprach nun dem „Interesse der Leser in Berlin und den Zonenrandgebieten“.
„Das, worauf es angekommen war, hatte Früchte getragen“, resümierte Johnson fünfzehn Jahre später, als er in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen auf diese von ihm initiierte Wende zu sprechen kam. Für seine Rezensententätigkeit allerdings mochte er eine so gute Note nicht gelten lassen. So frohgemut er in den Vertrag eingestiegen war, der ihn für die Dauer eines halben Jahres zur Erfüllung seines selbsterteilten Auftrags verpflichtete, so erleichtert fühlte er sich, als die Frist am 3. Dezember 1964 abgelaufen war. Denn schon im August hatte er sich den Beweis verschafft, daß den ihm erreichbaren Lesern das Interesse an der kritischen Nutzung des DDR-Fernsehens und somit auch eine Informationsquelle fehlte: Eine federsträubende „Ente“, die er zu Testzwecken ins Blatt geschmuggelt hatte, war von niemandem als Lügenvogel erkannt worden und hatte durchs Spandauer Volksblatt sogar weitere Verbreitung gefunden.
Als einen der eher leidigen „Begleitumstände“ seines Schriftstellerlebens hat Johnson in den so betitelten Frankfurter Vorlesungen (edition suhrkamp 1019) das Tagesspiegel-Intermezzo dargestellt. Die genau 99 Beiträge, die er in der Zeitung veröffentlichte, sollten nicht „noch als Buch herausgebracht“ werden.
Jetzt, drei Jahre nach Johnsons Tod, kann man sie doch nachlesen. Unter dem Titel „Der 5. Kanal“ (ein seinerzeit in West-Berlin gebrauchtes Synonym fürs DDR-Fernsehen) liegen sie in der edition suhrkamp vor: Gedruckt nach den Druckbelegen, die sich, säuberlich archiviert, im Nachlaß des Autors fanden, und versehen mit einer hinreichend informierenden „Editorischen Notiz“ von Raimund Fellinger. Mehr erläuterndes Stützwerk haben die Texte in der Tat nicht nötig; auch 23 Jahre nach den Tagen, für die sie geschrieben wurden, machen sie sich noch durchaus von allein verständlich. Ja, deutlicher als damals in der Zeitung geben sie sich im Taschenbuch zu erkennen: Eben nicht bloß als pointierte Nachbemerkungen zu ein für allemal gelaufenen Sendungen, sondern zugleich auch als Beiträge zu einem im wesentlichen auch heute noch zutreffenden Porträt des Mediums DDR-Fernsehen.
Wolfgang Werth
„Der fünfte Kanal." Fernsehkritiken von Uwe Johnson. edition suhrkamp. Band 1336.183 Seiten. 12 Mark.
Literaturnachweis
Wolfgang Werth: Eine Ente als Lesertest. Uwe Johnsons 99 Besprechungen des DDR-Fernsehprogramms. Süddeutsche Zeitung, 23.6.1987, S. 36.

