Harald Hartung: Liegt Berlin nicht in der Uhrzeit?

Ein Band mit Aufsätzen von Uwe Johnson

Diese »Berliner Sachen« – eine Sammlung von Aufsätzen, Glossen, erzählenden Texten – hätte Uwe Johnson schon früher zum Buch bündeln können, nämlich 1971. Er mag seine Gründe haben, es gerade jetzt zu tun. Die jüngste dieser »Sachen« – »Vergebliche Verabredung mit V. K.«, der Schnappschuß einer Berliner Kneipe – datiert von 1971; der älteste hier aufgenommene Text »Berliner Stadtbahn« stammt »aus dem Sommer von ausgerechnet 1961« und erschien im Monat der Errichtung der Mauer.

Welchem Leser mag es gelingen, sich in Mentalitäten, Stimmungen, Argumentationen von damals zurückzuversetzen? Ist das nicht eine Angelegenheit der Historiker oder der Johnson-Philologen? »Dieser Aufsatz wird ja manchmal verlangt«, heißt es mit listigem understatement im anonymen Vorspann des Bändchens und, als wäre das noch nicht genug Vorsicht und Bescheidenheit, setzt der Autor selbst unter den Titel des Beitrags ein lapidares »veraltet« – aber er schließt es in Klammern ein, und der Leser hat Grund, das zu beachten.

Zweifellos ist einiges an diesem Aufsatz »veraltet« – fast möchte man sagen, um so schlimmer für die Geschichte, die Fakten schuf, welche selbst die vorsichtigste Hoffnung desavouierten. Denn wer möchte sich heute die Hoffnung zu eigen machen, daß Berlin »ein Modell für die Begegnung der beiden Ordnungen« werden könne?

Aufs Ganze gesehen hat Johnson erstaunlich wenig zu revidieren. Seine Analyse der Entwicklung, die zur Errichtung des »Sperrbauwerks« führte, wirkt heute noch so hellsichtig und nüchtern wie damals, nur daß man jetzt Mühe hat, die Provokation zu begreifen, die in dem Aufsatz lag.

Auch literarisch gesehen bleibt »Berliner Stadtbahn« ein wichtiger Text. Er enthält nicht bloß die Poetik von Johnsons frühen Romanen, sondern ist zugleich Anwendung auf eine Berliner Sache: »Die Grenze an dieser Stelle wirkt wie eine literarische Kategorie.« Und wenn der Autor zuspitzt »das Wort Dilemma tritt nicht oft in so reiner Kongruenz mit seinem Gegenstand auf«, dann bezeichnet das eben jene Kongruenz von politischem Thema und literarischer Methode, die Johnson davor bewahrte, sich vordergründig, in einem bloßen Willensakt zu engagieren, also jene bequeme Position einzunehmen, die Johnson in seiner bissigen Note »Über eine Haltung des Protestierens« kritisiert hat: »Die guten Leute wollen eine gute Welt; die guten Leute tun nichts dazu.«

»Berliner Sachen« – das sind, im Sinne solcher Kongruenz, die Gegenstände und zugleich die Texte, die ihnen gelten. Und eine Haupt-Sache, wenn man so sagen darf, ist eben die Stadtbahn, der allein vier Texte gewidmet sind. »Die S-Bahn gehört zu unseren Intimitäten«, bekennt Johnson und meint das über Grenzproblem, Mauerbau, S-Bahn-Boykott und alle aktuelle Politik hinaus.

In seinem »Nachtrag zur S-Bahn« beschreibt er nicht bloß liebevoll ihr Ochsenblutrot und behäbiges Gelb, das Geräusch und die Einrichtung der Bahnhöfe, er wünscht sich auch »die alten Zeiten neu und mehr vernünftig, eine Zeit mit Fahrkarten von überallher, darauf steht nicht bloß Berlin Ost oder Berlin West, sondern: Berlin Stadtbahn.« So wird ihm die S-Bahn im Wortsinn zum Vehikel von Utopie, einer solchen freilich, die nicht blind, das heißt geschichts- und bilderlos bleibt.

Kann man solche Berliner Sachen und Intimitäten überhaupt anderen und außerhalb erklären und vermitteln? Johnson versucht es, und wenn er dazu sogar Verse – Verse à la Johnson – zu Hilfe nehmen muß. Im »Gespräch mit einem Hamburger« kontert er erst einmal mit der Frage »Was bietet Hamburg?«, ehe er sich auf Begründungen einläßt, warum er in Berlin bleibt, und am überzeugendsten bleibt der Satz »schon zehn Jahre Vergangenheit machen anhänglich«. Und zu einer objektiven Ortsbestimmung kommt es in dem zweiten Gedicht »Berlin für ein zuziehendes Kind«. Darin läßt Johnson das aus New York kommende Kind fragen: »Wieso ist es hier später? Liegt Berlin nicht in der Uhrzeit?« – was in der beigefügten englischen Version heißt: Is Berlin out of time?

Etwas wie Schrecken schwingt mit: fällt Berlin aus der Zeit, was ist dann mit dem Ort und seinen Menschen? Johnson hat sich für seine Berliner Zeitrechnung entschieden. Und dieser Zeitrechnung entsprechend, in der historische und erzählerische Zeit zueinander passen, wird vielleicht den »Berliner Sachen« ein Berliner Roman folgen.

 

Uwe Johnson: »Berliner Sachen«. Aufsätze, suhrkamp taschenbuch 249. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1975. 112 S., br., 5,– DM.

 

Literaturnachweis

Harald Hartung: Liegt Berlin nicht in der Uhrzeit?, F.A.Z., 25.7.1975, S. 24. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.